Dinner für 90
Klassik & Dinner – Genuss für Seele und Gaumen, so hieß das besondere Angebot für Liebhaber guter Küche und schöner Klänge, das die Lukaskirche am 30. November 2007 servierte.
Die Einladung im Jubiläumsprogramm der Lukaskirche ließ mir zu viele Fragen offen: Freitag, 30.11.2007, 18 Uhr "Klassik und Dinner – Genuss für Seele und Gaumen" mit Voranmeldung und, hoppla, 20 Euro Eintritt pro Person. Ein Essen in einem kargen Gemeindesaal mit ungewissem Menü, mit unklarem Musikprogramm, unbekannten Teilnehmern und undefinierbarem Sinn – keine Lust. Meine Frau entschied schließlich die Mäkelei mit dem – in eine Bitte gekleideten – Befehl: "Hör bitte auf zu maulen, zieh Dich um und geh einfach mit!"
Vor dem Gemeindesaal saß an einem Kassentisch Pastor Heidrich, kassierte oder lächelte freundlich durch. Gleich dahinter war ein Sektempfang bereits in vollem Gang. Viele, die in der Gemeinde aktiv mitmachen, plauderten oder prosteten sich zu. Es waren sympathische Gesichter, und es herrschte eine angenehm lockere Atmosphäre. Aber was kam nach dem Empfang, denn der Abend war noch lang?
Nun wurden wir hineingebeten – nicht etwa in einen kargen Gemeindesaal, sondern mitten in die Kirche hinein, o Gott, etwa zum Tischgebet? Falsch. Schon beim ersten Blick ins Kirchenschiff durchfuhr es mich: Wow! So viel Kühnheit hätte ich in Lierenfeld nicht erwartet. Quer vor dem gesamten Altarraum und in dem langen Mittelgang war in T-Form eine Festtafel gedeckt, an der innerhalb weniger Minuten rund 90 Personen Platz nahmen.
Ich musste zugeben: Mitten in einem Kirchenschiff festlich gegessen und getrunken, das Erlebnis hatte ich noch nicht: Essen, trinken, zusammen sein, ein wenig glücklich sein – aha, das alles also ist auch Religion, ist Gottesdienst und ein kleines Abbild dessen, was wir uns vom Paradies erträumen.
Wie das in den folgenden drei Stunden umgesetzt wurde, war ein Meisterstück der besonderen Art, ein Gesamtkunstwerk mit fünf Gängen Musik aus den letzten drei Jahrhunderten und einem Fünf-Gänge-Menü.der Spitzenklasse.
Es begann vierhändig auf dem Klavier mit dem Ehepaar Helga und Klaus Börner und ging über in einen Teller "Bunte Salatvariationen". Danach spielte die einstige Lukas-Kantorin Tiina Henke auf der Orgel Johann Sebastan Bachs Präludium und Fuge in Es-Dur, abgelöst vom "Kartoffelschaumsüppchen mit Kerbel-Champignon-Garnitur". Da folgte den Orgel-"Variations on America" der provencalische Hauptgang "Boef en daube mit Böhnchen im Speckmantel und Möhrenstiften, Kartoffelgratin". Und bevor das "Eis auf rotem Früchtespiegel" serviert wurde, sang die Lukas-Kantorin Ricarda Ochs mit ihrer klaren, zarten Zauberstimme und ihren süßen roten Bäckchen „Songs aus den 30er Jahren“. Gesprächspausen stets inbegriffen, die intensiv genutzt wurden.
Außergewöhnliches vollbrachte das Lukas-eigene Küchen- und Servier-Team: Marion Heidrich mit ihren Kindern Christoph, David und Lisa-Marie, das Ehepaar Marion Klaes und Steffen Engelmann sowie das Ehepaar Adelheid und Günter Böhnke. Diese Acht hatten das Essen nicht nur entworfen und ausprobiert, sondern für diesen Abend in der engen Kindergartenküche mit spürbarer Hingabe zubereitet, ins Kirchenschiff getragen, serviert und abgeräumt – schlichtweg ein Meisterstück an Engagement und Können.
Als wir nach dem "Ausklang bei Käse und Kaffee" die Kirche verließen, hatte ich das Gefühl: Natürlich könnte man an Details dieses Abends noch feilen, zum Beispiel an der Auswahl, der Länge und der Verteilung der Musik oder an der Beleuchtung des Kirchenschiffs. Aber dieser Abend könnte zu einem Modell werden für das, was Kirche ausstrahlen sollte: Wärme, Vertrauen, Gemeinschaft.
Manfred Müller









