Patenschaft mit der Gemeinde Petkus
Nach der Teilung Deutschlands als Folge des Zweiten Weltkriegs wurden die westdeutschen Gemeinden aufgefordert, durch Patenschaften ostdeutsche Gemeinden in der DDR zu unterstützen.
Diese litten nicht nur unter dem zunehmenden Druck des atheistischen DDR Regimes, sondern auch unter den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in der DDR. In der Regel wurde den westdeutschen Gemeinden eine Gemeinde als Patengemeinde zugeteilt.
Die Lukaskirchengemeinde übernahm die Patenschaft für die Gemeinde Petkus im Kreis Luckenwalde in Brandenburg, etwa 60 Kilometer südlich von Berlin. Zu dieser Gemeinde gehörten neben Petkus auch die Dörfer Wahlsdorf, Merzdorf und Ließen.
Wann diese Patenschaft genau beginnt, lässt sich auch anhand der Presbyteriumsprotokolle nicht genau rekonstruieren. Ein erster Hinweis findet sich im Presbyteriumsprotokoll vom 20.6.1961. Dort heißt es: „Fräulein Regina Müller (Tochter von Pfarrer Müller) erhält den Auftrag, während des Berliner Kirchentages 1961 Frau Pastor Pforr DM 300,- zu überreichen als Geschenk der Lukaskirchengemeinde an die Patengemeinde Petkus.“
Die nächste Erwähnung findet sich in einem Sitzungsbericht des Presbyteriums von 1964. Die Lukaskirchengemeinde wird um Bleiweißfarbe für das Pfarrhaus von Pfarrer Pforr in Petkus gebeten. Aufgrund der Reisebeschränkungen steht die materielle Unterstützung der Partnergemeinde in diesen Jahren im Vordergrund. 1964 kommt es erstmals im Rahmen einer Bibelfreizeit in Weißensee zu einem persönlichen Zusammentreffen mit Mitgliedern der Patengemeinde.
1965 trifft sich Pfarrer Reute mit Pfarrer Soeder aus Petkus in Ost-Berlin. Im Mittelpunkt ihrer Gespräche stehen vor allem die Möglichkeiten finanzieller und materieller Hilfe von Seiten der Lukaskirchengemeinde. 1966 und 1967 finden weitere Begegnungen im Rahmen gemeinsamer Bibelfreizeiten statt.
Der Weg über die Grenze der DDR ist in dieser Zeit auch für die Besucher aus dem Westen nicht immer ganz einfach. Schikanen an den Grenzübergängen in Form von kleinlichen Kontrollen der Autos und des Gepäcks, oft verbunden mit stundenlangen Aufenthalten an den Grenzkontrollpunkten sind an der Tagesordnung.
Eine unangenehme Erfahrung mit den DDR Grenzkontrolleuren macht offensichtlich 1967 auch Diakon Keller auf dem Weg zur Bibelfreizeit nach Berlin. Das Protokoll des Presbyteriums vermerkt hierzu: „Herr Keller erhält 75 DM für Reparaturkosten, die durch unsachgemäße Behandlung durch die Volkspolizei beim Grenzübergang in die DDR an seinem PKW entstanden sind“.
In regelmäßigen Abständen finden sich in den Presbyteriumsprotokollen dieser Jahre Anfragen auf materielle Unterstützung, Ausdruck der extremen Mangelsituation in der DDR. 1967 wird um Unterstützung zur Renovierung des Kirchturms in Petkus gebeten, ein Jahr später geht es um eine Beihilfe zur Anschaffung eines Autos für Pfarrer Soeder, den er dringend benötigt, um seine aus mehreren Dörfern bestehende Gemeinde zu betreuen. 1971 werden Benzingutscheine und eine Motorsäge für den gemeindeeigenen Waldbesitz der Kirchengemeinde in Petkus finanziert. All diese Wünsche sind Ausdruck der prekären Wirtschaftslage in der damaligen DDR.
In den 70er Jahren geht es bei der materiellen Unterstützung der Patengemeinde vor allem um die bauliche Erhaltung der Kirchengebäude sowie des Pfarrhauses in Petkus, die sich in einem schlechten bautechnischem Zustand befinden. So sind die Kirchen in Petkus und Wahlsdorf ohne Stromanschluss und können im Winter nicht elektrisch beleuchtet und beheizt werden.
In diesen Jahren nehmen aber auch die Besuchsbegegnungen zu. Diese bleiben allerdings weitgehend eine Einbahnstraße von West nach Ost, denn Gemeindemitglieder aus Petkus bekommen nur in Ausnahmefällen eine Besuchsgenehmigung für eine „Westreise“. Auch Westbesucher erhalten oft keine Einreisegenehmigung für Petkus, so dass man sich stattdessen in Berlin trifft.
An einem solchen Patenschaftstreffen in Berlin im Jahr 1973 nehmen mehrere Presbyter, Pfarrer Voswinckel und Diakon Keller teil. Die Gespräche mit Pfarrer Soeder aus Petkus verlaufen, zumindest was Glaubensfragen betrifft, offensichtlich für die Vertreter der Lukaskirche recht ernüchternd. Das Presbyteriumsprotokoll vermerkt zu dieser Reise vielsagend, dass „trotz des unterschiedlichen theologischen Verständnisses im Blick auf Fragen des christlichen Gehorsams und der Gestaltung des Lebens aus dem Glauben an Jesus Christus, das in den gemeinsamen Bibelarbeiten deutlich wurde, die Bereitschaft zur praktischen Hilfe nicht aufhören soll“.
Eine neue Phase in den Beziehungen beginnt nach einem Besuch von Pfarrer Ohligschläger bei Pfarrer Soeder in Petkus im Jahr 1978. Zur bisherigen materiellen Unterstützung soll nun zusätzlich die praktische Hilfe treten.
In der Osterwoche 1980 fährt eine Gruppe von sechs handwerklich begabten Mitgliedern aus der Lukaskirchengemeinde nach Petkus, um die dortige Kirche zu renovieren. Mehrfach besuchen in den 80er Jahren Jugendgruppen mit Diakon Keller, später mit Reinhard Heldmann, zu Arbeitsfreizeiten die Gemeinde Petkus, um handwerkliche Arbeiten an der Kirche und am Pfarrhaus durchzuführen. Die erforderlichen Materialien sind dabei natürlich immer mitzubringen, da es in der DDR an den notwendigsten Dingen fehlt. So stammt das Blattgold für das Kreuz auf der Petkuser Kirche aus Düsseldorf und zwei Radiatoren zur Beheizung der Winterkirche in Wahlsdorf bringen Werner Meutsch, Günther Böhnke und Horst Breitkreutz bei einem Besuch 1984 nach Petkus.
Zu Weihnachten war es in der Lukaskirchengemeinde Tradition, dass Päckchen und Pakete nach Petkus geschickt wurden, deren Inhalt dort an ältere und bedürftige Gemeindemitglieder verteilt wurde. Anfangs waren vor allem das Küsterehepaar Breitkreutz und die Presbyterin Leni Krumpholz daran beteiligt, später übernahm der Frauenabendkreis die jährliche Päckchenaktion. Oft waren es mehr als 90 Pakete, die Anfang Dezember gepackt werden mussten. Inge Sauer, die an den Aktionen beteiligt war, berichtet darüber: „Wer kann sich heute noch vorstellen, was sich da im Gemeindehaus stapelte? Mengen von Kaffee, Kakao, Schokolade, Käse, Seife, Tempotücher, alles, was es in der DDR nicht gab und so viel Freude bereitete. Als Absender durfte nicht die Lukaskirche erscheinen, also versah eine Frau des Abendkreises die Adressaufkleber mit den Namen von Angehörigen des Frauenabendkreises, die dann auch mit den Empfängern der Päckchen in Briefwechsel traten. Einige große Pakete gingen an die Gemeindeschwester oder an Angehörige des Presbyteriums zur Verteilung. Sie enthielten Bettwäsche, Pullover, Anoraks, Mäntel und Anzüge. Die Sachen wurden von Düsseldorfer Kaufhäusern gestiftet.“
Nach der Wende: Besuche und Gespräche statt Päckchen und Farbe
Als 1989 die Grenze endlich fällt, ändert sich die Beziehung von einer Patenschaft zu einer Partnerschaft, bei der die materiellen Aspekte nun nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten können die Mitglieder der Petkuser Gemeinde nun endlich auch zu den lang ersehnten Gegenbesuchen nach Düsseldorf kommen. Die Überschrift „Besuche und Gespräche statt Pakete und Päckchen“ über einem Artikel im Gemeindebrief von 1990, in dem über ein Begegnungswochenende in Lukas unmittelbar nach der „Wende“ berichtet wird, kennzeichnet recht treffend den Wechsel in den Beziehungen nach der Wiedervereinigung.
Für viele Teilnehmer der Gruppe aus Petkus unter Pfarrer Puhlmann, dem Nachfolger von Pfarrer Soeder, war es der erste Besuch ihres Lebens in der Bundesrepublik. In dieser unmittelbaren Nachwendezeit sind alle Beteiligten noch der Meinung, dass sich die Partnerschaft nach der „Wende“ durchaus nicht erledigt habe, sondern gerade jetzt erweiterungs- und ausbaufähig sei. Die Beziehung müsse aber nun eine neue Qualität erhalten. Die Entwicklung sollte jedoch im Laufe der Zeit anders verlaufen.
In den ersten Jahren nach der „Wende“ erleben die Besucher aus der alten Bundesrepublik bei ihren Besuchen in Petkus eine Atmosphäre des Aufbruchs, der Eigeninitiative und der Freude über die neue Freiheit. In diese Freude mischt sich aber schon bald die Sorge um die Arbeitsplätze. Die Menschen machen die bittere Erfahrung, dass es nun plötzlich keine Arbeitsplatzgarantie mehr gibt, an die man in der DDR so gewöhnt war.
Viele verlieren im Zuge des wirtschaftlichen Strukturwandels ihren Arbeitsplatz und können in der überwiegend landwirtschaftlich geprägten Region um Petkus keine neue Arbeit finden. Nach 40 Jahren staatlicher Bevormundung fällt vielen der Weg in die Eigenständigkeit sehr schwer. Mancher hatte sich die Freiheit anders vorgestellt.
1993 verlässt Pfarrer Puhlmann die Gemeinde Petkus, in der er nach dem Mauerfall sogar für kurze Zeit als gewählter Verbandsbürgermeister gewirkt hatte. Ihm folgt Pfarrer Blochwitz.
Herrschte in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung noch eine gewisse Aufbruchsstimmung in den partnerschaftlichen Beziehungen, so schwächen sich gegen Ende der 90er Jahre die wechselseitigen partnerschaftlichen Kontakte zunehmend ab und beschränken sich weitgehend auf gegenseitige freundschaftliche Besuche zu Gemeindefesten wie beispielsweise 1995 und 1997 zum 40jährigen Bestehen der Lukaskirche und als Gegenbesuch 1998 in Petkus. 1999 besucht der Lukas-Chor Petkus.
In den letzten Jahren sind jedoch sowohl die Besuche als auch die brieflichen Kontakte immer spärlicher geworden. Frau Sauer vom Frauenabendkreis kommentiert die Veränderungen in den Beziehungen mit den Worten: „Die Menschen, mit denen wir in Verbindung waren, wurden alt oder starben, die jungen waren mit dem Aufbau ihrer Existenz beschäftigt oder verließen die Gemeinde auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz.“
Bis auf wenige Briefwechsel ist die mehr als vierzig Jahre alte Beziehung, die als Patenschaft einst aus der Not geboren wurde, heute bedauerlicherweise weitgehend zum Stillstand gekommen.






